La Loba – Die Wolfsfrau

Kunst | „La Loba – Knochenflüsterer“ – Marissa Quinn

Es gibt eine alte Frau, die an einem verborgenen Ort lebt, den jeder kennt, den aber nur wenige je gesehen haben. Wie in den Märchen Osteuropas scheint sie darauf zu warten, dass verlorene oder umherirrende Menschen und Suchende zu ihr kommen.

Man sagt, sie lebe inmitten der verrotteten Granithänge im Gebiet der Tarahumara-Indianer. Man sagt, sie sei außerhalb von Phoenix in der Nähe eines Brunnens begraben. Sie soll in einem ausgebrannten Auto mit herausgeschossenem Rückfenster gesehen worden sein, als sie in Richtung Süden nach Monte Alban fuhr. Sie soll am Highway in der Nähe von El Paso stehen oder mit Lastwagenfahrern nach Morelia, Mexiko, fahren, oder sie soll mit seltsam geformten Ästen aus Brennholz auf dem Rücken auf dem Weg zum Markt oberhalb von Oaxaca gesichtet worden sein. Sie wird bei vielen Namen genannt: La Huesera, Knochenfrau; La Trapera, Die Sammlerin; und La Loba, Wolfsfrau.

Die Abergläubischen nennen sie Seelenfängerin und behaupten, sie flechte einen Traumfänger, um diejenigen zu fangen, die hinübergehen würden, und sie im Licht ihres Feuers einzusperren. Das einzige Werk von La Loba ist das Sammeln von Knochen. Sie ist dafür bekannt, vor allem das zu sammeln und zu bewahren, was für die Welt verloren zu gehen droht. Ihre Höhle ist mit den Knochen aller möglichen Wüstentiere gefüllt: der Hirsche, die Klapperschlange, die Krähe. Aber ihre Spezialität sollen die Wölfe sein.

Sie kriecht und kriecht und siebt durch die Montañas, Berge und Arroyos, trockene Flussbetten, auf der Suche nach Wolfsknochen, und wenn sie ein ganzes Skelett zusammengebaut hat, wenn der letzte Knochen an seinem Platz ist und die schöne weiße Skulptur der Kreatur vor ihr ausgebreitet ist, setzt sie sich ans Feuer und denkt darüber nach, welches Lied sie singen wird.

Und wenn sie sich sicher ist, steht sie über der Krratur, hebt die Arme über sie und singt. Dann fangen die Rippen- und Beinknochen des Wolfes an, sich zu entfalten, und die Kreatur bekommt ein Fell. La Loba singt weiter und die Kreatur beginnt zu leben; ihr Schwanz krümmt sich nach oben, zottelig und stark.

La Loba singt weiter und weiter und die Wolfskreatur beginnt zu atmen.

Und noch immer singt La Loba so tief, dass der Boden der Wüste bebt, und während sie singt, öffnet der Wolf seine Augen, springt auf und rennt die Schlucht hinunter.

Irgendwo in seinem Lauf, sei es durch die Geschwindigkeit seines Laufs, sei es durch das Plätschern in einen Fluss, sei es durch einen Sonnen- oder Mondstrahl, der ihn genau an der Seite trifft, verwandelt sich der Wolf plötzlich in eine lachende Frau, die frei in Richtung Horizont läuft.

Denken Sie also daran, wenn Sie durch die Wüste wandern, und es ist kurz vor Sonnenuntergang, und Sie sind vielleicht ein wenig verloren und sicherlich müde, dass Sie Glück haben, denn La Loba, die Wolfsfrau könnte Ihnen gefallen und Ihnen etwas zeigen – etwas von der Seele.

  • Clarissa Pinkola Estés, Von Frauen, die mit den Wölfen laufen

So beginnen die leidvollen Aspekte die Frauen auf der ganzen Welt erfahren haben, Stück, für Stück, Knochen um Knochen etwas Neues entstehen zulassen. Vielleicht war jede Frau einst auch eine Wölfin.

Mini Ma

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